Freitag, 6. August 2010
Story: Die Kupferhexe
Dunkelheit. Kälte. Schmerzen. Angst. Zitternd und frierend blickte sich das Mädchen nur mit einem schlichtem Kleid bekleidet in der Zelle um. Sie konnte kaum etwas erkennen und zog ihre nackten Beine noch näher an sich heran und schlang die Arme darum. Irgendwo in der Nähe hörte sie ganz leise Wassertropfen, die auf irgendetwas tropften. Die Luft stank nach unbeschreiblichen Dingen, von denen die vierzehnjährige nicht wissen wollte, was es war. Ihr Haar fiel ihr stumpf und wirr über die Schultern, es war unterschiedlich lang, so als hätte sich jemand aus Spaß daran ausgetobt, um sie zu verunstalten. Sie versenkte den Kopf auf den Knien, ihre Wangen feucht vor Tränen, die langsam verebbten, weil sie nicht mehr weinen konnte. Leise wimmernd wippte sie vor sich hin, als sich ihrem Gefängnis wieder einmal Schritte nährten. Die bedrohlichen Geräusche wurde von einem flackerndem Lichtschein bekleidet und das Mädchen wünschte sich, im Nichts verschwinden zu können. Unbewußt rutschte sie näher an die Zellenwand, um möglichst weit weg zu kommen, doch es gab kein Entkommen, der grausame Mann mit der Maske würde wieder zu ihr kommen und alles würde schlimmer werden. Es wurde heller, als das flackernde Licht fast da war und Zayra blickte etwas auf und zuckte zusammen, als sie sich erinnerte, was hier vor kurzem geschehen war. Der Geruch in der Luft, der süßlich stinkend umherwaberte, stammte von dem dunklen Schatten auf der anderen Seite der Zelle, der nun langsam angeleuchtet wurde. Das Mädchen schnappte nach Luft, als sie wieder verstand, wer der Schatten war und was mit ihm passiert ist. Vor der Zelle verebbten die Schritte und ein leises, beinah mildes Lachen war von der Maske gedämpft kurz zu vernehmen. Zayra konnte nicht anders, sie musste zur Türe blicken, gefangen im Bann der Gefahr und Angst. Jemand anderes öffnete die Zelle und ein Mann, den Zayra nicht sofort erkannte, wurde hineingestoßen. Übel zugerichtet und geschunden landete er vor Zayras nackten Füßen auf den Boden und wimmerte mit gebrochener Stimme.
„Lasst mein Kind doch ihn Frieden, ich flehe Euch an!“ krächzte er mit letzter Kraft und verzweifelter Miene. Zayra riss ihre geröteten Augen auf.
„Dad!“ schrie sie, doch sie erkannte ihre eigene Stimme kaum, ausgedörrt, kratzig, gebrochen. Früher hatte sie doch immer eine kräftige, laute Stimme gehabt, doch nun kam kaum ein Ton heraus. Zitternd löste sie sich aus ihrer Starre und beugte sich vor, um ihren Vater, der übelst zugerichtet war, in die Arme zu schließen. Einenen Moment lies der maskierte Mann die beiden gewähren, dann stieß er den Mann tiefer in die Zelle, während er Zayra auf die Beine zog und ihr einen kleinen, aber scharfen Gegenstand in die Hand drückte. Als Zayra den Gegenstand erkannte, wurde sie bleich und ihre Beine wollten wieder ihren Dienst versagen. Der Mann mit der Maske beugte sich nah an ihr Ihr und flüsterte ganz leise:
“Ich habe dir bei deiner Mutter gezeigt, wie es geht… Wenn du überleben willst… dann…” Er beendete den Satz nicht, doch Zayra hatte ihn genau verstanden. Zitternd wanderte ihr Blick zwischen dem toten Etwas in der Ecke und ihrem Vater hin und her. Zuerst wollte sich weigern, doch dann erschienen vor ihrem geistigen Auge wieder die Bilder, wie ihre Mutter geschrien hatte und ihr war klar, dass sie so nicht sterben wollte. Zayra blickte ihren Vater an, etwas seltsames lag in ihrem Gesicht, während ihre Mundwinkel zuckten. Der Vater schüttelte zweifelnd den Kopf, als sich das Mädchen mit dem Gegenstand in der Hand ihm näherte.
“Zayra… tuh es nicht, ich flehe dich an… wir finden eine Lösung!” bettelte er, wobei sein blick von Zayra zu Darken wanderte. Zayra zögerte nur einen Moment, als ihr die Schmerzen und Qualen der letzen Tage wieder bewußt wurden und holte mit Hand, in der der Gegenstand war, aus.
Die Pausenhalle war groß und hell und von vielen Kindern bevölkert. Alle standen in gruppen und unterhielten sich, oder spielten und tollten miteinander. Nur ein Mädchen mit kupferfarbenem Haar stand alleine in einer Nische und schaute den anderen mit ausdrucksloser Miene zu. Niemand beachtete sie oder näherte sich ihr. Doch sie wußte, dass alle behaupteten, dass sie nicht normal wäre. Sie hatte sich nie auffällig benommen oder anderen böse Worte an den Kopf geworfen, doch aus irgend einem Grund wurde sie oft als Kupferhexe oder die Komische und dergleichen betitelt. Niemand wollte sich mit ihr abgeben und das tat weh. Sie fragte sich immer, warum die anderen so dachten. Weil sie geschickter war? Wegen ihren langen, kupferfarbenen Haaren, die eher selten in dieser Gegend waren? Weil sie manchmal seltsame Dinge sagte? Zayra hatte oft seltsame Träume und schon einige Male versucht, sich jemanden anzuvertraun, doch immer wenn sie davon erzählen wollte, wurde sie entweder ausgelacht oder die Kinder waren mit seltsam verunsichertem Blick davongelaufen. War es ihr Schicksal, immer alleine zu sein? Die Welt hasste sie, und sie begann, die Welt zu hassen. Das Mädchen drehte sich um und verließ die Pausenhalle. Was sollte sie denn in dieser Schule, in der selbst die Lehrer gemein zu ihr waren. Das schlimmste war, ihre Eltern verstanden nicht, warum Zayra einsam war und hatten immer geglaubt, dass Zayra sich diese Dinge einreden würde.’Warum steht niemand auf meiner Seite?’ hatte sie sich oft gefragt, doch der Wind hatte ihr nie eine Antwort gegeben.
Mit blutigen Händen stand das Mädchen mit den wirren Kupferhaaren vor Darken, den Gegenstand, der nun ebenfalls voller Blut war, noch immer in ihren Händen. Zayras Miene war ausdruckslos, alles an ihr fühlte sich einfach nur kalt an. Der Mann mit der Maske stand nickend vor ihr und Zayra war sich aus irgend einem Grund sicher, dass er hinter seiner Maske sogar lächelte. Er streckte ihr eine Hand entgegen und wartete. Zayra war sich einen Moment nicht sicher, doch dann erinnerte sie sich daran, dass sie alleine war, und gab ihm den Gegenstand zurück. Er schien zu nicken und drehte sich einfach um und verschwand. Zayra wollte etwas sagen, doch dann wurde die Zelle schon wieder geschlossen und der Lichtschein war schnell verschwunden. Nun stand sie allen neben den beiden leblosen Körpern ihrer Eltern. Jetzt erst merkte sie, wie kalt ihr war. Sie zitterte am ganzen Leib und am liebsten wollte sie weinen, doch es kamen keine Tränen. Sie fragte sich, um was sie denn hätte weinen sollen, denn es war niemand mehr da. Sie war alleine, gefangen mit ihren toten Eltern und ihren wirren Gedanken. Ihre Beine versagten ihr den Dienst und sie fiel auf ihre Knie. Dunkelheit. Kälte. Schmerzen. Angst. Doch neue Emotionen bahnten sich den Weg in ihr Herz und brannten sich ein. Wut und Hass.
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